Herz für dicke Mauern und alte Steine: Der Seriensanierer

Steffen Seibel
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Torsten Krug, geboren in Thüringen, arbeitete weltweit von Brasilien bis Japan für Konzerne, unterstützte als Strategieberater Familienunternehmen und gründete 2015 seine eigene Stiftung. Als Student kaufte er in der frühen Nachwendezeit für 5.000 Euro einen ruinösen Vierseitenhof in der Nähe von Jena, sanierte ihn denkmalgerecht und verkaufte ihn nach fünf Jahren an seinen Statistikprofessor. Während seiner Zeit bei Mercedes gestaltete er mehrere Wohnungen in einem Stuttgarter Gründerzeithaus um. 2005 zog es ihn zurück nach Thüringen: Nahe der Saale-Talsperre ersteigerte er eine einsturzgefährdete Fabrikantenvilla aus dem 19. Jahrhundert, baute sie aufwendig um und lebte dort über zehn Jahre mit seiner Familie – bis er 2017 Burg Theisenort kaufte. Hier treffen wir ihn heute.

Der Hausherr empfängt uns mit seiner Tochter mit einladender Geste am Tor von Burg Theisenort. Komm! ins Offene, Freund!, steht dort in altdeutscher Schrift. Mit Barbourjacke und Stiefeln sieht er aus wie ein Vertreter des Landadels. Vom Adel ist er nicht. Aber er lebt so. Und er begrüßt uns wie alte Freunde.

Friedrich Hölderlin auf Burg Theisenort

Nicht nur Friedrich Hölderlin bittet zum Gang aufs Land

Inhalt

  1. Angekommen auf dem Gipfel
  2. Vom Entdecken zum Projekt
  3. Der erste Blick auf die Burg
  4. Ein alter Geheimgang
  5. Burg Theisenort und deutsche Geschichte
  6. Ständiger Begleiter: Das Denkmalamt
  7. Glas, Stahl und Wasser
  8. Autark auf der Burg: Leben wie im Elysium
  9. Bleiben oder gehen

1. Herr Krug, Sie stammen aus Ostdeutschland, haben die Welt bereist und leben auf einer Burg in Oberfranken. Sind Sie hier angekommen?

Burg Theisenort ist nun seit fast zehn Jahren die Heimat für mich und meine Familie. Wir fühlen uns hier wohl. Das liegt natürlich an der Wohn- und Lebenssituation an sich, besonders aber auch an den Menschen hier und der wunderbaren Umgebung. Ich habe in der Regel im Durchschnitt alle sieben Jahre meinen Lebensmittelpunkt verändert. Zu Beginn war das natürlich eine ökonomische Notwendigkeit. Ich ging dorthin, wo ich gearbeitet habe. Dort habe ich mich – zunächst allein, später mit Familie – immer auch in ein altes Gebäude verliebt und dieses erworben. Wohnen ist für uns Lebensqualität. Da auch meine Frau viel arbeitet, wollten wir immer das Urlaubsgefühl auch zu Hause haben. Burg Theisenort ist für uns Leben, Arbeiten und Urlaub. Wir sind also auch hier angekommen.

Burg Theisenort in Oberfranken, Eingangsportal

Angekommen auf dem Gipfel, vorbeifahren unmöglich

2. Sie haben zahlreiche historische Immobilien saniert, darin gelebt und weiterverkauft. Auf REALPORTICO verkaufen Sie gerade eine Wohnung am Meer in Spanien. Vom Zufallsfund bis zum lange gehegten Wunsch: Wie beginnt bei Ihnen das Abenteuer neues altes Haus?

Das ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Das Herrenhaus in Thüringen habe ich bei einer Tour mit dem Motorrad zufällig entdeckt. Das war an einem Sonntag. Dort stand ein Schild, dass es versteigert werden soll. Ich rief am Montag dort an und man sagte mir, dass die Auktion bereits am nächsten Tag wäre. Ich fuhr hin und bekam den Zuschlag. Das Haus wollte zu mir.

In Spanien lebte ich mit meiner Frau und unseren drei Kindern während der Corona-Zeit. Wir wussten, dass wir nur für ein bis zwei Jahre bleiben würden. Daher kauften wir dort nur eine Wohnung direkt am Mittelmeer. Wir entkernten und sanierten sie komplett. Es wurde eine Traumwohnung. Meiner Frau war es unmöglich, sie nach unserer Rückkehr nach Deutschland zu verkaufen. Es waren zu viele schöne Erinnerungen damit verbunden. Wir waren als Familie noch nie so lange und so eng zusammen wie in diesem Penthouse.

Auch diese Wohnung hat uns gefunden. Wir hatten eigentlich bereits einen Notartermin für ein anderes Objekt. Einen Tag vor der Unterzeichnung rief eine Maklerin meine Frau an und meinte, sie habe die richtige Wohnung für uns: unsaniert, völlig unbewohnbar, aber in bester Lage und 180-Grad-Blick auf das Mittelmeer. Rosana, so hieß die Maklerin, hatte verstanden, was wir eigentlich suchten.

Burg Theisenort ist tatsächlich noch etwas verrückter. Ich habe in Jena studiert und hatte damals eine Freundin in Coburg, die ich immer mit dem Auto besuchte. Burg Theisenort thront ja auf einem Bergspitz und ist weithin sichtbar. Damals dachte ich: Irgendwann kaufe ich die Burg. 25 Jahre später war es dann so weit. Ein Newsletter eines lokalen Maklers bewarb den Verkauf. Ich war der einzige Interessent und bekam den Zuschlag. Wir verkauften dann das Herrenhaus und zogen von Thüringen nach Bayern.

Turm und historischer Wehrgang auf Burg Theisenort

Logenplatz über Oberfranken

3. Welche Bilder gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie zum ersten Mal hier oben ankamen?

Ich hatte meiner Frau gesagt, dass ich mir eine alte Burg in Bayern ansehe – nur so zum Gucken. Von den Bildern aus dem Newsletter des Maklers wusste ich ja, um welche es sich handelte. Ich kannte Burg Theisenort nur vom Sehen aus der Ferne. Oben auf dem Berg war ich zuvor noch nie. Ich parkte mein Auto unten an der Kirche. Die Kirche gehörte ursprünglich auch zur Burg. Die letzten Meter lief ich zu Fuß. Wenn man hinter der Kirche um die Kurve geht, hat man das Gefühl, irgendwo in Südfrankreich zu sein. Diese alte Steinmauer mit dem riesigen Wappen der von Redwitz und dann das Eingangsportal mit dem Wehrgang und dem Renaissance-Maßwerk – das hat mich damals fast umgehauen. So etwas Schönes in Deutschland! Das Tor war damals nur mit einem kleinen Zaun gesichert. Man konnte also in den Hof hineinsehen. Man sah direkt die alte Wache und den Eingang zum Weinkeller. Überall dieser Sandstein.

Auf dem Rückweg traf ich dann einen Anwohner. Der riet mir sehr wortreich von einem Kauf ab. Er verband aber die Aufzählung der notwendigen und teuren Sanierungen mit Anekdoten aus der Historie. Er schreckte mich nicht ab, sondern machte mich immer neugieriger und entschlossener. Später sagte er einmal zu mir, er sei sich sicher gewesen, dass ich die Burg kaufen würde. So war es dann auch. Ich rief den Makler an und machte ohne weitere Besichtigung ein Kaufangebot. Meine Frau bestand dann aber vor dem Notartermin auf einem weiteren Besuch. Sie sah auch das Potenzial der Immobilie – und die Kosten. Uns war klar, dass wir im Gegenzug das Herrenhaus verkaufen mussten.

Burg Theisenort in Küps, Luftansicht

Gesamtansicht mit historischem Burgkern, Pool und Orangerie

4. Hatten Sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Historie von Burg Theisenort auseinandergesetzt?

Die Kaufentscheidung beruhte damals nur auf der Lage und dem Potenzial der Burg nach einer Sanierung. Die letzte Eigentümerin war eine Wirtin und Burg Theisenort war ab 1970 bis zu deren Ableben eine Gastwirtschaft mit Pension. Diesen Teil sieht man nicht mehr. Die Gastwirtschaft mit den Gästezimmern haben wir abgerissen, weil sie nicht zum historischen Bestand gehörte. Stattdessen haben wir an deren Stelle die alte Orangerie wieder aufgebaut. Mit der Historie kamen wir erstmals in Berührung, als wir einen alten Geheimgang wiederentdeckten und teilweise freilegten.

Innenhof der Burg Theisenort in Oberfranken

Innenhof der Burg mit Wehrgang und verborgenen Pfaden

5. Was erzählt Burg Theisenort über die deutsche Geschichte?

Als Ostdeutscher weiß ich noch, was Enteignung heißt. Meine Großeltern wurden enteignet und dies ist ein bedrückender Teil unserer Familienerzählung. Die Burg Theisenort bildet im Prinzip die gesamte deutsche Geschichte in ihren Mauern ab. Im 14. Jahrhundert wurde sie von den Herren von Redwitz errichtet. Die von Redwitz besaßen zahlreiche Burgen hier in Oberfranken und wurden reich, indem sie Zölle auf die Holzflöße erhoben – also klassische Raubritter. Im Bauernkrieg brannte die Burg vollständig nieder und wurde 1528 wieder aufgebaut. Im Dreißigjährigen Krieg schlugen sich die Burgherren auf die Seite der protestantischen Schweden. Wallenstein persönlich enteignete nach der Niederlage der Schweden die Eigentümer und schenkte die Burg der Stadt Kronach. Zum Glück für die von Redwitz wurde die Schenkung nie vollzogen. 1909 gelangte das Anwesen dann in private Hände. In der Zeit des Zweiten Weltkriegs dienten die umgebenden Geheimgänge und Keller als Versteck für Kunstwerke aus dem Schloss Coburg. Ein Großteil davon gilt als verschollen. Noch heute gibt es Berichte von vergrabenen Schätzen und Kunstwerken hier auf dem Gelände.

6. Was hat Ihnen aus früheren Sanierungen bei Burg Theisenort besonders geholfen und wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt?

Als wir Burg Theisenort kauften, war uns klar, dass wir hier unsere bisher größte Investition tätigen würden. Für alle vorherigen Objekte habe ich zum größten Teil mit denselben Handwerkern zusammengearbeitet. Die meisten Handwerker kannte ich also und diese kannten mich. Das vereinfacht die Zusammenarbeit sehr. Während der Baumaßnahmen war ich größtenteils nicht vor Ort, da ich in Köln und später in Wien arbeitete.

Da hilft es schon, wenn man sich gut kennt – besonders wenn man wie wir alte Substanz mit Stahl und Glas ergänzt und kombiniert. Denn hier müssen Stahlbauer, Glaser und Zimmerleute zusammenarbeiten und die speziellen „Macken“ des Bauherrn kennen. Die Zeichnungen stammten alle von uns. Architekten hatten wir nicht. Auch ortsansässige Handwerker waren kaum zu finden, da die Auftragslage für sie hier in der Region damals extrem gut war. Für Instandhaltungsmaßnahmen und Neubauten arbeite ich inzwischen aber mit Handwerkern aus der Region zusammen. So haben wir beispielsweise die Orangerie mit regionalen Unternehmen wieder aufgebaut. Inzwischen ist deren wirtschaftliche Situation ja auch nicht mehr so rosig wie vor zehn Jahren.

Das Denkmalamt haben wir sehr früh einbezogen. Wir haben hier den Vorteil, dass lediglich die Außenansicht unter Denkmalschutz steht. Die einzige Auflage waren damit der Einbau von Holzfenstern und die Beibehaltung der bestehenden Dachformen. Ich wusste bereits aus der Vergangenheit, dass es schwierig ist, Mittel des Denkmalamts für eine Sanierung bewilligt zu bekommen. Daher haben wir das gar nicht erst versucht. Dies wiederum lässt auch das Denkmalamt kulanter werden. Wir hatten zumindest bei keinem unserer Objekte in der Vergangenheit Probleme mit dem Denkmalschutz.

Wohnbereich Burg Theisenort

Blick in den Wohnbereich: Präzise gesetzter Stahl und historisches Gebälk

7. Auf Burg Theisenort treffen Glas und Stahl auf alte Bausubstanz. Und Sie sind nahe am Wasser gebaut...

Zum Wasser gibt es eine Geschichte. Während unserer Zeit in Spanien haben wir auch viel Zeit in Andalusien verbracht. Hier sieht man überall noch den Einfluss der Mauren auf die damalige Architektur. Wenn man sich dafür interessiert, landet man schließlich immer in der Alhambra in Granada. Die Gestaltung der Gärten und Wasserbassins hat uns damals extrem beeindruckt. Deshalb findet man heute auf Theisenort viele Brunnen und Wasserquellen. Überall sprudelt und plätschert es. Und der Pool ist dem großen Bassin der Alhambra nachempfunden.

Ein anderer Einfluss bei unserer Sanierung kam aus der Museumsarchitektur. Besonders in der alten Wache finden sich viele Inspirationen aus dem Kreuzfahrermuseum Accon in Israel. So haben wir sämtliche morschen Balken durch Stahlträger ersetzt und Trennwände aus Glas gestellt. Wir kombinieren hier auf Theisenort also in gewisser Weise Architektur aus Abend- und Morgenland.

Glas, Stahl, Wasser und Abensteuerspielplatz auf der Burg

Für welches Kind ist eine Burg kein Abenteuerspielplatz?

8. Sie leben hier wie in einem Elysium und sind weitgehend autark. Sie erzeugen Ihre Wärme selbst, speichern Trink- und Regenwasser und besitzen Wald. Sind Sie Selbstversorger?

Für die reine Selbstversorgung fehlt uns die Zeit. Aber wir versuchen, viel selbst anzubauen. Kräuter, Obst und Gemüse müssen wir kaum noch einkaufen. Das haben wir alles hier. Um die Hühner kümmert sich ein Nachbar. Und jedes Jahr überlegen wir, in einem Gehege Damwild anzusiedeln. Aber meine Frau und meine Tochter würden zu jedem Tier eine innige Beziehung aufbauen. Und als Zootiere wären sie ja nicht gedacht. Daher werden wir auch in Zukunft das Fleisch noch zukaufen müssen.

Lavendelgarten auf der Burg

Botanische Vielfalt und Selbstversorgung im grünen Refugium

9. Burg Theisenort ist Ihr bisher längstes Zuhause. Wird es ein neues Kapitel geben?

Wir leben hier nun seit zehn Jahren – für uns bisher die längste Zeit an einem Ort. Meine Frau spricht Italienisch und wir beide fühlen uns mit Italien sehr verbunden. Immer wieder haben wir uns dort Immobilien angesehen, um irgendwann länger dort zu leben. Unser jetziges Zuhause ist uns genauso ans Herz gewachsen wie die Häuser davor. Aber der Wunsch, etwas Neues zu entdecken und weiterzuziehen, ist im Hintergrund immer da. Es gehört für uns dazu, schöne Häuser zu finden, darin zu leben und sie irgendwann wieder anderen zu überlassen. Also ja, wir können uns vorstellen, dass es ein neues Kapitel geben wird.

Burg Theisenort als Oase auf Zeit oder für die Ewigkeit

Ausruhen bis zum nächsten Kapitel


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