Ein Jugendtraum wird Realität: Die eigene Burg in Kastilien

Das Palacio de Narros de Saldueña steht in der kastilischen Agrarlandschaft der Provinz Ávila. Sein heutiger Eigentümer Sergio Álvarez erfüllte sich damit einen Jugendtraum und erwarb die Anlage, die wie eine Trutzburg ein kleines Dorf dominiert, mithilfe einer Erbschaft, mehrerer Kredite und einer Hypothek. In einem persönlichen und offenen Gespräch berichtet er, wie aus einer zunächst unbestimmten Suche nach einem verfallenen Turm schließlich der Kauf einer Burg wurde. Es geht um Herausforderungen und Enttäuschungen, aber auch um seine Dankbarkeit gegenüber den langjährigen Vorbesitzern und um Möglichkeiten der Denkmalförderung in kleinen Gemeinden. Da das Leben und der Unterhalt einer Burg für eine Einzelperson jedoch auch einsam und mühsam sein können, endet das Gespräch mit einem ganz persönlichen Aufruf.

Palacio de Narros: Wie eine Trutzburg im kleinen Dorf

Trutzburg zwischen einer Handvoll Häuser: Palacio de Narros de Saldueña

Inhalt

  1. Ackerland gegen Strand
  2. Erfüllung eines Jugendtraums
  3. Burg oder Palast?
  4. Die Spuren der Familie Llopis
  5. Was im Haus geblieben ist
  6. Allein in der Burg
  7. Reparieren, erhalten, improvisieren
  8. Besichtigungen ohne Werbung
  9. Kaufinteressenten und ein persönlicher Aufruf
  10. Die Zukunft von Narros de Saldueña

1. Herr Álvarez, Sie stammen aus Almería im Süden Spaniens. Narros de Saldueña liegt dagegen auf 900 Metern Höhe in der Hochebene La Moraña. Wie würden Sie diese Landschaft jemandem beschreiben, der sie noch nie gesehen hat und was unterscheidet sie von Ihrer Heimat?

Zunächst möchte ich mich für Ihr Interesse an meiner Burg bedanken und dafür, dass ich sie mit diesem Interview einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen darf. Ich möchte allerdings etwas klarstellen: Zum Zeitpunkt des Kaufs lebte ich zwar in Almería, bin aber eigentlich Madrilene und habe bis zu meinem 38. Lebensjahr in Madrid gelebt. Meine familiären Wurzeln liegen jedoch auch in Almería (mütterlicherseits) und in León (väterlicherseits).

In Almería habe ich fünf Jahre meines Lebens verbracht und mich an das warme Klima gewöhnt. Da fiel mir die Rückkehr in eine 700 Kilometer entfernte und deutlich kältere Region wie Ávila nicht leicht. Dazu eine kleine Anekdote: Als ich damals in Almería die Hypothek beantragte, kam der Filialleiter der Bank zu mir und fragte mich:

Sie leben in Almería... und wollen eine Burg kaufen? Eine Burg... in Ávila?

Es waren vor allem die beiden Begriffe Burg und Ávila, die für diese humorvolle Situation sorgten.

Die Landschaft ist ebenfalls ganz anders. Almería ist sehr abwechslungsreich, mit seinen Stränden, der Wüste und den Bergen. Die Moraña dagegen ist eine weite Hochebene mit überwiegend landwirtschaftlich geprägten Flächen. Wer die Berge sucht, kann aber auch in die Sierra de Gredos, die Sierra de Guadarrama oder sogar in die Sierra de Francia (zwischen Cáceres und Salamanca) fahren. Was einem Strand in der Nähe der Moraña am nächsten kommt, ist wohl der Stausee von Burguillo mit einer Insel, auf der wiederum eine Burg steht, allerdings im modernen Stil.

Blick auf die kastilische Landschaft durch die Ziegelbögen des Palacio von Narros

Blick aus dem Wachtürmchen (Garita): Kastilisches Ackerland statt Strand

2. Die Idee, ein historisches Gebäude zu erwerben, war zunächst unbestimmt: Es konnte eine Ruine oder ein halb verfallener Turm sein. Wie wurde daraus der Kauf des Palacio von Narros de Saldueña?

Alles begann vor sechs Jahren, als mein Vater starb und ich erbte. Da erinnerte ich mich daran, dass es ein Jugendtraum von mir war, eines Tages eine Burg zu besitzen. Dazu beigetragen hat sicher auch, dass ich ein Jahr lang ein Internat in Sigüenza (Guadalajara) besucht hatte und dort täglich an der imposanten Burg vorbeiging, die zu den Paradores de España gehört. Dort habe ich später geheiratet, mich allerdings auch wieder scheiden lassen.

Ich begann, diesen Traum weiterzuverfolgen, wollte mich zunächst aber nicht auf eine bestimmte Burg festlegen. Es sollte tatsächlich erst einmal etwas Kleineres sein. In Spanien findet man schließlich noch viele alte Wehrtürme zu vergleichsweise günstigen Preisen. Eher zufällig kam ich an dieser Burg vorbei und erfuhr, dass sie zum Verkauf stand und Fernando Llopis gehörte. Obwohl mir der Preis sehr günstig erschien und deutlich unter dem tatsächlichen Wert lag, reichte mein Erbe nicht aus, um die Burg zu kaufen. Erst durch zwei Privatkredite, eine Hypothek und ein größeres Darlehen von einem Verwandten konnte ich schließlich Eigentümer werden.

Ich merkte jedoch schnell, dass eine Burg zu besitzen das eine ist, sie wirtschaftlich zu nutzen aber eine ganz andere Herausforderung darstellt. Ich habe an viele Türen geklopft und dabei einige Enttäuschungen erlebt. Lediglich ein Catering-Unternehmen bot mir seine Hilfe an. Am Ende blieb es jedoch bei einzelnen Unterstützungsangeboten, die nicht ausreichten, um meine Pläne umzusetzen. Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht. Mir fehlte es an familiärem Rückhalt und auch eine Partnerin hatte ich nicht an meiner Seite. An dieser Stelle möchte ich jedoch einem Freund danken, der immer für mich da ist. Erst vor Kurzem haben wir gemeinsam eine ganze Woche lang die gesamte Burg geputzt, um sie einem Interessenten zeigen zu können, der übrigens über dieses Portal auf sie aufmerksam geworden war.

Die Paradores von Spanien

Die 1928 gegründete staatliche Hotelkette Paradores de Turismo de España betreibt historische Gebäude wie Burgen, Klöster und Paläste als Hotels. Das Netzwerk dient dem Erhalt des spanischen Kulturerbes und der regionalen Tourismusförderung.

Säulenhof mit Arkaden und kunstvollem Schmiedeeisen im Palacio von Narros de Saldueña

Säulengang im Innenhof

3. Lokal wird das Gebäude als Palacio bezeichnet, in manchen Unterlagen Casa fuerte und in einem Fotoalbum Castillo del Duque de Montellano. In Spanien sind außerdem Begriffe wie casa-palacio, casa señorial und casa solariega gebräuchlich. Welcher dieser Begriffe beschreibt Narros am besten und warum?

Genau genommen handelt es sich um eine Casa fuerte, da das Gebäude innerhalb einer Ortschaft steht. Mich erinnert dieser Begriff allerdings an caja fuerte, das spanische Wort für Tresor, womit es natürlich nichts zu tun hat. Burgen werden, wie Sie wissen, meist an hoch gelegenen, schwer zugänglichen Orten errichtet, da sie in erster Linie der Verteidigung dienen. Paläste hingegen verbindet man eher mit Wohnkomfort und Status. Deshalb nenne ich das Gebäude lieber Castillo-Palacio: Von außen wirkt es wie eine Festung, im Inneren ist es dagegen ein Palast.

Zwischen Burg und Schloss

Castillo-Palacio: Außen Festung, innen Palast

4. Für die Restaurierung wurde der Vorbesitzer Fernando Llopis mit der Silbermedaille der Asociación Española de Amigos de los Castillos ausgezeichnet. Sie erwähnen besonders seine Großzügigkeit. Worin zeigte sie sich und was können Sie uns über ihn und seine Zeit mit dem Haus erzählen?

Er hat mir mit seinem äußerst fairen Verkaufspreis einen Jugendtraum erfüllt und mir quasi die Burg mit seinem gesamten Lebenswerk überlassen: Über 15 Jahre lang hat er den Palacio restauriert und eingerichtet. Seine Familie besaß mehrere solcher Objekte und engagierte sich für das Kulturerbe und Gemeinwohl.

Die Geschichte der Familie Llopis und ihrer Verbindung zu den Burgen reicht, wenn ich mich nicht irre, bis in die 1960er-Jahre zurück. Damals erwarben Fernandos Onkel Salvador und sein Vater Estanislao bei einer Versteigerung gleich drei Burgen: Monleón in Salamanca, Orgaz in Toledo und Narros de Saldueña in Ávila. Später gingen die Burgen durch Erbschaft an seinen Cousin Santiago, seine Schwester und ihn selbst über, sodass jeder von ihnen eine Burg erhielt.

Von da an widmeten sie sich der Restaurierung und Einrichtung, bis die Burgen in ihren heutigen Zustand versetzt wurden. Fernando nutzte die Burg vor allem als Zweitwohnsitz und veranstaltete dort mehrmals im Jahr gemeinsame Essen, insbesondere im Frühjahr und im Herbst.

Seine Schwester hat vor ihrem Tod ihre Burg der Gemeinde Orgaz (Toledo) geschenkt. Dass die Familie nicht alles nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt, hat mich persönlich sehr berührt. Eine solche Großzügigkeit hatte ich zuvor noch nicht erlebt, weshalb ich der Familie bis heute sehr dankbar bin.

Historische Kutschen und Sammlung der Familie Llopis

Lebenswerk und Erbe der Familie Llopis

5. Das Haus trägt die Handschrift der Familie Llopis: Waffen und Fahnen, nautische Stücke aus der Zeit bei der Marine, Messgewänder in der Kapelle und historische Küchenutensilien. Welcher Raum liegt Ihnen besonders am Herzen?

Wie auf den Fotos zu sehen ist, wurde fast alles hinterlassen – mit Ausnahme eines Geschirrsets, an dem Fernandos Frau sehr hing und eines Gemäldes im Salon, das eine Infantin aus dem 17. Jahrhundert zeigt. Dieses ersetzte er durch ein anderes Bild.

Ich selbst habe nicht vor, irgendetwas davon abzugeben, denn für mich sind diese Stücke inzwischen untrennbar mit der Burg verbunden – obwohl mir Besucher für einiges schon Angebote gemacht haben, etwa für die Kutschen. Es gibt hier übrigens auch Objekte aus der Burg von Orgaz, was sich anhand der Inventarnummern nachweisen lässt.

Mich begeistern alle Räume, aber wenn ich mich für einen entscheiden müsste, wähle ich die Sala de los Tratados. Dort ist eine Wand bis zur halben Höhe mit Sandstein aus Salamanca verkleidet, der den Kamin zwischen zwei Hellebarden einrahmt.

Wandteppich in der Sala de los Tratados

Historischer Wandteppich im Lieblingsraum des Hauses

6. Das Gebäude hat einen Grundriss von 25 mal 29 Metern, der Turm ist 22 Meter hoch und die Räume verteilen sich auf viele Ebenen. Welche Teile des Palacio bewohnen Sie tatsächlich, wenn Sie dort sind und welche Räume müssen Sie im Winter heizen?

Weil ich die meiste Zeit allein bin und das Haus für eine Person viel zu groß ist, beschränke ich mich auf die Küche, die ich im Winter mit einem Gasofen heize und ein Schlafzimmer im ersten Obergeschoss des Turms neben dem Waschraum. Daneben nutze ich eines der Badezimmer. Jedes davon besitzt eine Marmorbadewanne aus dem 15. Jahrhundert – diese wurden einst mit dem Zug aus Valencia gebracht und stammen aus dem heute nicht mehr existierenden gotischen Hospital.

Eine der Marmorbadewannen aus dem 15. Jahrhundert

Zugticket für die Ewigkeit: Marmorbadewanne aus dem 15. Jahrhundert und aus Valencia gerettete Fliesen

7. Wie organisieren Sie die Pflege und Instandhaltung? Gibt es vor Ort Fachleute, die bei Schäden kurzfristig einspringen können? Und gibt es bei solchen Arbeiten besondere Anforderungen an die Qualifikation der Handwerker?

Die Pflege versuche ich größtenteils selbst zu übernehmen, da ich mich beruflich jahrelang mit der Instandhaltung von Immobilien befasst habe – darunter auch mit historischen Gebäuden wie dem Parque Móvil del Estado. Wenn in meiner Abwesenheit etwas passiert, sind außerdem der Verwalter und sein Sohn vor Ort, um Störungen schnell zu beheben. Zudem gibt es im Nachbardorf einen Baustoffhändler, der auch handwerkliche Dienste anbietet.

Bisher musste ich noch keine größere Sanierung in Angriff nehmen – dafür bräuchte es dann tatsächlich spezialisiertes Fachpersonal. Ich weiß jedoch, dass es Architekten gibt, die genau auf die Restaurierung solch historischer Objekte spezialisiert sind. Zudem stellt die Junta de Castilla y León Fördermittel für den Erhalt des Kulturerbes in Gemeinden mit unter 20.000 Einwohnern bereit. Dazu gehört auch Narros de Saldueña.

Arbeitszimmer im Palacio de Narros de Saldueña

Gepflegt und gut erhalten: Arbeitszimmer im Palacio

8. Zeitweise war der Palacio für Besucher geöffnet. In einigen Google-Rezensionen wird bedauert, dass er inzwischen geschlossen ist. Wie ist der aktuelle Stand und welche Hürden gibt es bei der Organisation des Besuchsbetriebs?

Tatsächlich finden die Besichtigungen nach wie vor statt, denn das spanische Denkmalschutzgesetz schreibt diese für Denkmäler dieser Art zwingend vor. Man kann allerdings eine vollständige Befreiung von dieser Pflicht beantragen. In meinem Fall gilt jedoch weiterhin der Besuchskalender, der damals für Fernando genehmigt wurde und eine teilweise Befreiung vorsieht.

Dass die Zeiten bei Google nicht mehr zu finden sind, liegt schlicht daran, dass ich dafür derzeit keine Werbung mache. Da die Besichtigungen kostenlos sind, werfen sie nicht nur keinen Gewinn ab, sondern verursachen Kosten: In meiner Abwesenheit muss ich den Verwalter dafür bezahlen, dass er das Haus für Besucher öffnet.

Gerne würde ich die Besichtigungen in Zukunft als professionell konzipierte und durchgeführte Führungen anbieten, doch aus den genannten Gründen war mir eine solche Umsetzung bisher leider noch nicht möglich.

Wappen, Waffen und Dekorationselemente in der Sala del Emperador der Burg

Ritterliche Insignien in der Sala del Emperador

9. Wie bereiten Sie Besichtigungen mit potenziellen Käufern vor? Welche Fragen stellen Kaufinteressenten üblicherweise und welche Bereiche des Palacio zeigen Sie ihnen als Erstes?

Die Fragen der Besucher sind sehr unterschiedlich. Manche fragen, ob es für solche Immobilien Finanzierungsmöglichkeiten gibt (was bei mir der Fall war), wie hoch die jährlichen Unterhaltskosten und Steuern sind – bei mir sind sie sehr niedrig, das Haus ist sogar von der Grundsteuer (IBI) befreit – oder ob der Verkäufer eine Privatperson, eine Familie oder eine Gesellschaft ist.

Bei den Führungen versuche ich meist, dem von mir vorgesehenen Rundgang zu folgen. Er beginnt gleich rechts am Eingang bei der Kelter (lagar) und dem Weinkeller (bodega). Die meisten Besucher bleiben jedoch erst einmal fasziniert im Innenhof (patio de armas) stehen und schauen sich dort um.

Beim letzten Besuch hat mich ein guter Freund begleitet, der mir nicht nur beim Putzen geholfen, sondern mir auch meine Begeisterung für das Projekt zurückgegeben hat. Ich bin überzeugt, dass man eine solche Herausforderung am besten gemeinsam meistert. Deshalb möchte ich – solange die Burg noch in meinem Besitz ist – die Reichweite dieses Interviews nutzen für einen ganz persönlichen Aufruf: Ich suche jemanden, mit dem ich diese Leidenschaft teilen und dieses architektonische Juwel wieder vollends mit Leben füllen kann.

Alte Presse im Weinkeller der Burg

Historische Baumpresse im Weinkeller: massiver Pressbalken mit Gewichtsstein

10. Die Umgebung von Narros de Saldueña ist stark von der Landwirtschaft geprägt. Könnte die Landwirtschaft auch in der Zukunft des Palacio eine Rolle spielen?

Ehrlich gesagt fällt es mir schwer, eine direkte landwirtschaftliche Nutzung mit der Burg zu verbinden. Denkbar wäre aber durchaus eine Ausstellung historischer landwirtschaftlicher Geräte. In der Bodega steht dazu passend bereits ein alter Karren. Ganz in der Nähe befindet sich außerdem der ehemalige Getreidespeicher (panera) der Burg. Dieser ist heute in drei Einheiten unterteilt, die verschiedenen Eigentümern gehören. Es wäre toll, einen dieser Teile nutzen zu können – das würde der Burg zusätzlichen historischen Wert verleihen und gleichzeitig praktischen Stauraum für Werkzeuge und Geräte bieten.

Zum Abschluss möchte ich noch eine Legende erwähnen, die sich um die Burg rankt: Sie handelt von einer Dame aus Ávila namens Doña Constanza und dem Ritter Pedro Vélez und ist in dem Buch Castillos de Ávila y emoción de la Ciudad von Juan Grande Martín überliefert. Um den Rahmen dieses Interviews nicht zu sprengen, führe ich sie hier nicht weiter aus – wer die Geschichte jedoch hören möchte, kann sich gerne an mich wenden – oder mich bei einer Besichtigung darauf ansprechen.

Alabasterbüste am Galerieaufgang des Palacio von Narros de Saldueña
Steinskulptur des Ritters aus der Legende im Palacio von Narros de Saldueña

Welche dieser Skulpturen sind Teil der Legende?


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